von Fred Luks |

Es ist eine wichtige und offene Frage, wie eine Gesellschaft, die immer mehr auf Technik setzt, mit den Möglichkeiten digitaler Überwachung umgeht. Die Enthüllungen von Edward Snowden und anderen haben gezeigt, dass die Lage schon heute, gelinde gesagt, unerfreulich ist. Harald Welzer befürchtet für die Zukunft eine „smarte Diktatur“ und spricht von einer „freiwilligen Kapitulation vor den Feinden der Freiheit.“ Was die westliche Welt zusammengehalten habe, schreibt er, „was hinsichtlich Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als extrem erfolgreiches Zivilisationsmodell gelten konnte, das hält nicht mehr zusammen.“

Wie dramatisch es werden kann und mit welcher Geschwindigkeit, deutet sich zurzeit in China an: Das dort bald eingeführte „Sozialkredit-System“ vereinigt rigorosen Überwachungswillen und elaborierte Technik. Ein allumfassendes Rating-System wird in der Volksrepublik in Zukunft die Grundlage für Entscheidungen über Kreditwürdigkeit, Wohnungsvergabe, Reisemöglichkeiten und andere Fragen sein. Das Magazin Wired berichtete über die Entwicklungen unter dem treffenden Titel Big data meets Big Brother.

Der Text lässt erahnen, dass die in der genialen TV-Serie Black Mirror durchgespielten Szenarien keineswegs absurde Phantasien sind, sondern viel mit unserem Hier und Heute zu tun haben… Dennoch scheint heute Sorglosigkeit zu dominieren, wenn es um die Möglichkeiten der Nutzung von Daten und Maschinen für Überwachung, Lenkung und Kontrolle von Menschen und Gesellschaften geht. Manchmal scheint es, als habe es Edward Snowdens Enthüllungen nie gegeben. Das wirft viele Fragen auf, unter anderen diese: Wie blöd sind wir eigentlich?

Man muss also über das Verhältnis von maschineller Intelligenz und menschlicher Dummheit reden. Diese Dummheit, folgt man Autoren wie Robert Misik, ist ja nicht zuletzt durch digitale Netzwerke hoffähig geworden (weshalb der Begriff Smartphone bei näherer Betrachtung ein Hohn ist). Damit steht auch die Demokratiefähigkeit der digitalen Gesellschaft auf der Tagesordnung. Wenn man die tiefen menschlichen Abgründe an Bösartigkeit und Dummheit betrachtet, die sich auf Facebook, Twitter und anderen Möglichkeiten der netzbasierten Selbstoffenbarung auftun, muss man sich ernste Sorgen machen. Ein Shitstorm, so formuliert es Harald Welzer in bewährter Deutlichkeit, sei „die kollektive Ausscheidung der Scheiße, die die Mitläufer im Kopf haben.“ Hetze, reflexartiges Reagieren auf Überschriften und eine erschütternde Unfähigkeit zur sprachlichen Mäßigung und zum sinnerfassenden Lesen legen trauriges Zeugnis ab vom Zustand der Gesellschaft und vom Zustand einiger ihrer Bewohnerinnen. „Offline sind wir ja ganz nett,“ fasst Misik die Situation zusammen, „aber online werden wir Monster.“

Oder Engel. Nirgends wird so vehement und folgenlos gegutmenschelt wie im Internet. Das Netz sei, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung bemerkt, „eine einzige Einladung, Allianzen für das vermeintlich Gute zu schmieden.“ Nichts sei leichter als das, schreibt die FAZ, „denn mehr als ein paar Be­trof­fenheits-Postings werden einem nicht abverlangt, um zum Kreis der Guten zu gehören.“ In der Tat. Digitale Netzwerke sind sehr erfolgreiche globale Insti­tutionen zur Verbreitung folgenloser Betroffenheit und ethisch oder ökologisch in­spirierter Gefühlsduselei im Zeitalter politischer Korrektheit. Das Netz liefert also beides im Übermaß: Hier Shitstorm, Skandale und Sex, dort Betroffenheit, Gutmenschentum und elektronisch verbreitete Spießigkeit. Stets geht es um online abgesonderte Gefühlsäußerungen. Viel Meinung, wenig Ahnung – das gilt im Netz noch mehr als in der analogen Welt. Die emotionalen, psychologischen und am Ende auch politischen Folgen des beschleunigten digitalen Wandels sind Zeichen einer tiefen kulturellen Veränderung. Wenn die Zukunft positiv gestaltet werden soll, muss diese „Tiefenschicht“ der Digitalisierung thematisiert werden. Debatten, die nur technische und ökonomische Fragen erörtern, sind der Lage nicht angemessen.

Der Text ist ein adaptierter Vorabdruck aus dem Kapitel „Digitalisierung“ des Buches „Ausnahmezustand“, das im April bei Metropolis erscheinen wird.


Über den Autor

Dr. Fred Luks
ist Nachhaltigkeitsforscher, Publizist und Leiter des Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er beschäftigt sich seit langem in Forschung, Lehre und Management mit Zukunfts-, Nachhaltigkeits- und Transformationsthemen.

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