von Peter Weibel

Bedeutende philosophische Bücher des 20. Jahrhunderts heißen Word and Object (Willard Van Orman Quine, 1960) oder Les mots et les choses (Michel Foucault, 1966). Diese Philosophen berichten uns von einer alten Welt, von einer analogen Welt, in der es vor allem Dinge gab. Die Welt besteht – gemäß diesen Denkern – aus der Beziehung von Dingen und Worten. Die Sprache ist das Instrument, mit dem die Welt geordnet und gebaut wird. Noch Ludwig Wittgenstein behauptet, »Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt«[1]. Die Philosophie bewegt sich in der Welt der Worte als wäre dies die Welt der Dinge. In der Tat ist die Sprache diejenige revolutionäre Kulturtechnik das erste Instrument, mit dem die Menschen die Welt erklären und gestalten konnten. Der Mensch gab den Dingen Namen und diese Beziehungen zwischen den Wörtern und Dingen haben für Jahrtausende die Kultur und die Zivilisation bestimmt.

Die Menschen gaben aber den Dingen nicht nur Namen, sondern bereits in Urzeiten machten sie sich Bilder von den Dingen. Dies führte zu einer zweiten Kulturtechnik: zur Kunst der Bildwelten, von der Malerei bis zur Fotografie. Die Welt der Worte und die Welt der Bilder haben sich im Laufe der Zeit verselbstständigt und wurden zu autonomen Welten, zur philosophischen Literatur und zur bildenden Kunst. Die Welt der Religion wie auch die Welt der Politik sind vorwiegend noch Sprachwelten.
Adäquate zeitgemäße philosophische Betrachtungen sollten doch heute eher den Titel tragen: »Daten und Dinge«, um der digitalen Kulturtechnik gerecht zu werden.

Zur Geschichte der Digitalisierung

Die Mathematik ist die Welt der Zahlen. Galileo Galilei schreibt 1623 »Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben […]«[2]. Die Abbildung der Dinge auf Wörter und Bilder waren bereits erhebliche Stufen der Abstraktion, die uns von den Tieren unterscheidet. Die Abbildung der Welt auf Zahlen und ihre Verselbständigung als Mathematik stellt die bisher höchste Stufe einer abstrakten Kulturtechnik dar. Mit ihr beginnt im eigentlichen Sinne bereits vor 400 Jahren die Digitalisierung.

Isaac Newton hat 1686 in Fortsetzung von Galilei mit seinem Hauptwerk Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (Die mathematischen Grundlagen der Naturphilosophie) die klassische Mechanik begründet. Die Naturwissenschaft wurde zu einer mathematischen Disziplin. Infolge dessen schrieb Joseph-Louis de Lagrange im Vorwort zu seinem Meisterwerk Méchanique analytique (1788), dass dieses Werk das erste genuin wissenschaftliche Werk ist, weil es das Universum nur mithilfe von algebraischen Operationen und weiterer mathematischer Formeln vollständig zu beschreiben vermag.

Bertrand Russell und Alfred Whitehead haben die Welt schlichtweg unter dem Titel Principia mathematica (1910–1913) zusammengefasst – ein Echo von Newtons Titel. Sie haben nicht nur die Welt, sondern auch das Denken und die Logik auf Mathematik abgebildet. Ein direkter Vorläufer war Gottlob Frege, der mit seiner Begriffsschrift. Eine der arithmetischen nachgebildete Formelsprache des reinen Denkens (1879) ebenfalls das Denken in mathematische Formeln übersetzte.

Um 1900 war also die Digitalisierung von der Öffentlichkeit unbemerkt bereits in vollem Gange. Sie beruhte auf weiteren mathematischen Pionierleistungen. Vor allem ist auf Wilhelm Leibniz und seine Erfindung des binären Zahlensystem1697 zu verweisen. Bis dahin hat man alle Zahlen der Welt mit zehn Ziffern, von 1 bis 9 und 0, darstellen können. Leibniz hat gezeigt, dass man alle Zahlen mit nur zwei Ziffern, 0 und 1, darstellen kann. Leibniz hat also nicht nur den Gegenständen Wörter, Bilder oder Zahlen zugeordnet, sondern erstmals den Zahlen auch Ziffern, den binären Code, zugeordnet. Zahlen operierten über Zahlen. Er begann auch Worte und Sätze in Zahlen zu übersetzen. George Boole wiederum hat erstmals versucht, die Gesetze des Denkens als Gesetze der formalen Logik und diese als mathematische Analyse zu definieren. Boole hat in The Mathematical Analysis of Logic (1847) und in An Investigation of the Laws of Thought (1854) bewiesen, dass Logik und Algebra ident sind, indem er logische Operation in mathematische Operationen verwandelte.

Alan Turing hat diese Tendenzen der Mathematisierung von Welt, Sprache und Denken in seinem berühmten Essay »On Computable Numbers« (1936) auf die Spitze getrieben. Seine Darstellung der Berechenbarkeit von Zahlen und Zahlenprozessen gilt als das grundlegende Papier für den digitalen Computer, die Turing-Maschine.

Mit dem Computer entstand eine neue Welt der Daten. Bald entwickelte sich der Computer von einer reinen Rechenmaschine weiter zu Bild-, Ton- und Sprachmaschinen. Die Computer konnten Bilder und Texte errechnen, sie konnten visuelle und akustische Welten simulieren. Mit einem Wort: Alles das, was bisher Objekte, Wörter, Töne und Bilder waren, konnten auf Zahlen abgebildet und aus Zahlen konstruiert werden. Das ist der eigentliche Inhalt der digitalen Revolution als Kulturtechnik. Das entscheidende Moment dieser Kulturtechnik ist eine bis dato unvorstellbare Reversibilität. Die Dinge können in Wörter verwandelt, aber das Wort »Stuhl« ist nicht der Stuhl. Die Dinge können in Bilder verwandelt werden, aber das Bild der Pfeife ist keine Pfeife (siehe das Gemälde Ceci n’est pas une pipe von Rene Magritte 1929). Im Zeitalter der Digitalisierung werden Wörter, Bilder und Töne in Daten verwandelt, aber erstmals in der Geschichte der Menschheit können Daten in Töne, Bilder und Wörter rückverwandelt werden. Die Sprache der Daten, die Algorithmen und Programmiersprachen, sind zu einer universellen Sprache geworden, aus der die Welt der Töne, Bilder und Texte entsteht. Die Mathematik ist also nicht mehr nur die Sprache der Natur, sondern auch die Sprache der Kultur.

Digitale Codes

Die digitale Kulturtechnik hat aber auch eine weitere Revolution beginnen lassen, die vielleicht ein neues Zeitalter einleitet. Die bisherige Kultur war nämlich auf einer zweidimensionalen Notation aufgebaut: Die Schrift ebenso wie Noten, Zahlen und Zeichen wurden auf Papier geschrieben. Mit dem Computer entsteht erstmals die Möglichkeit der Simulation eines bewegten dreidimensionalen Raumes. Betrachten wir die Arbeit von Architekten mit dem Bildschirm und deren  unwahrscheinlichen Formen, blicken wir in die Zukunft einer dreidimensionalen Notation. Das 3D-Kino war der erste Versuch in diese Richtung, aber mit dem 3D-Druck beginnt nun diese Zukunft Realität zu werden – nämlich es werden nicht nur Wörter, Bilder und Töne in Daten verwandelt und Daten zurück in Töne, Bilder und Wörter, sondern erstmals werden auch Dinge in Daten und Daten in Dinge zurückverwandelt. Bisher war die Transformation der Dingwelt in die Zeichenwelt irreversibel. Nun jedoch haben wir eine Kulturtechnik entwickelt, welche die Beziehung zwischen der Ding- und Zeichenwelt reversibel macht. Deswegen können in Zukunft rein formale (logische und mathematische) Operationen im Gehirn oder auf einem Bildschirm oder auf einer Tastatur die Welt der Dinge verändern. Das ist die Idee des Internets der Dinge. Wir werden in einer Umwelt leben, die von Sensoren und intelligenten Agenten gestützt und mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sein wird.

Dass dies möglich wurde, geht zurück auf »The Unreasonable Effectiveness of Mathematics in the Natural Sciences«, die der Nobelpreisträger Eugene Wigner 1960 feststellte. Das beste Beispiel ist Claude Shannon mit seiner Masterarbeit „A Symbolic Analysis of Relay and Switching Circuits“ (1937). In dieser Arbeit bewies er, dass die Boole’sche Aussagenlogik mit den Wahrheitswerten 0 und 1 verwendet werden kann, um die durch elektrischen Strom betriebenen elektromagnetisch wirkenden, fernbetätigten Schalter mit zwei Schaltstellungen zu steuern. Wie der Titel besagt, Stromkreise und Schaltkreise, Anordnungen von Relais und Schaltern, werden in einer symbolischen Analyse auf die Boole’sche Aussagenlogik abgebildet. Die Boole’sche Algebra wird also zur Schaltalgebra. Die von Shannon vorgeschlagene Verknüpfung der logischen Gesetze und der Steuerung von Schaltkreisen, das heißt der Gebrauch der binären Eigenschaften elektrischer Schaltkreise (on – off, 1 – 0, Strom – Nicht-Strom) zur Ausführung logischer Funktionen, bestimmten fortan den Aufbau aller elektronischen digitalen Computer. Shannon zeigte, dass die mentalen Formeln der Boole’schen Algebra in materielle Schaltalgebra übertragen werden konnten. Elektronische Schaltkreise – also Materie – verhalten sich nach der Boole’schen Algebra.

Im Verbund mit der Entdeckung der Elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz (1886–88), das heißt der Erfindung der Telekommunikation (Telegrafie, Telefonie, Television, Radar, Rundfunk, Satellit, Internet), der Entwicklung von Transistoren (1946), Mikrochips usw., wurde die Mathematisierung der Welt in die materielle Welt der Elektronik übertragbar.

Daher muss die Gleichung „Machinery, Materials, and Men” (Frank Lloyd Wright, 1930), die für das 19. und 20. Jahrhundert gültig war, für das 21. Jahrhundert um die Gleichung „Medien, Daten und Menschen” (Peter Weibel, 2011) erweitert werden. Seitdem der alphabetische Code durch den numerischen Code ergänzt wurde, stellen Algorithmen – von der Börse bis zum Flughafen – ein fundamentales Element unserer sozialen Ordnung dar.

[1] Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 1921, Satz 5.6.

[2] Galileo Galilei: II Saggiatore (1623) Edition Nazionale, Bd. 6, Florenz 1896, S. 232.


über den Autor

Geboren am 5. März 1944 in Odessa, Ukraine, aufgewachsen in Oberösterreich studierte er zunächst für ein Jahr in Paris Französisch und französische Literatur, begann dann 1964 in Wien das Studium der Medizin, bis er zur Mathematik mit Schwerpunkt Logik wechselte.
Peter Weibels Werk lässt sich mehrheitlich in Kategorien der Konzeptkunst, der Performance, des Experimentalfilms, der Videokunst, Computerkunst und allgemein der Medienkunst fassen.
Seit Januar 1999 ist er Vorstand des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.

One thought to “DIGITALISIERUNG – EINE NEUE KULTURTECHNIK”

  • Christian H.

    Spannend wie das Thema hier aus einer (für mich) ganz neuen Richtung angegangen wird. Bei aller gefühlter Vertrautheit als “Digital Native” und Diskussion um zukünftige Auswirkungen auf Arbeit, Wirtschaft, Gesellschaft usw. finde ich den Blick auf Ursprünge und Bedeutung der vorhergehenden Entwicklung einen durchaus wertvollen!

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