von Maria M. Hofmarcher

In vielen EU Ländern hat die digitale Transformation des Gesundheitssektors zum Hauptziel, sicheren Zugang zu elektronischen Gesundheitsakten zu ermöglichen und die Interaktion zwischen Patient_innen und Gesundheitsdienstleistern zu verbessern.

Digitale Technologien können kosteneffiziente Instrumente bieten, um den Übergang vom krankenhausbasierten Gesundheitsmodell zum patientenorientierten und integrierten Modell zu unterstützen. Sie haben Potential, den Zugang zu Pflege zu verbessern und sind geeignet zur Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit von Gesundheitssystemen beizutragen.

Große Datenmengen und Monopole brauchen supranationale Standards

Das Gesundheitswesen und gesundheitsrelevante Aktivitäten von Bürger_innen erzeugen große Datenmengen. Die Menge an generierten Daten erfordern national und innerhalb der Europäischen Union abgestimmte Standards. Unternehmen wie Google, die viele gesundheitsrelevante Daten generieren und verkaufen können sind Monopole und brauchen die EU als regulatorisches Gegenüber, um Missbrauch zu verhindern und strategisch koordiniert, Sicherheitsstandards zu definieren, auch um die grenzüberschreitende Patient_innenversorgung zu fördern.

Starkes Beschäftigungswachstum braucht mehr Digitalisierung

Studien zeigen, dass Investitionen in Digitalisierung grundsätzlich positiv mit der Arbeitsproduktivität korrelieren. Im Jahr 2014 beschäftigten die EU-15-Länder 21 Millionen Menschen im Sozial- und Gesundheitssektor. Zwischen 2000 und

2014 stieg ihr Anteil von 9,5% auf 12,1% der gesamten unselbständig Beschäftigten. Dies trug wesentlich zur Stabilisierung der Beschäftigung bei. Gleichzeitig hinken viele Gesundheitssysteme in der Digitalisierung hinter anderen Branchen her, z.b. Banken, Tourismus. Obwohl in den 2000 Jahren der Beitrag digitaler Technologien zum Wachstum der Wertschöpfung im Gesundheitswesen deutlich stärker war als andere Komponenten. Die Niederlande und Deutschland liegen in diesem Zusammenhang sichtbar vor Österreich.

Snapshot e-health in Österreich

Die e-Health Agenda der Gesundheitsreform 2013 hat sich zum Ziel gesetzt, Informationen über die Verfügbarkeit von Leistungserbringern und ihrer Performance sicher zu stellen. Dies umfasst Aus- und Aufbau von Infrastruktur für die elektronische Gesundheitsakte (ELGA), „Telehealth“ und “Telecare“ auf allen Ebene des Staates. Außerdem festgehalten ist, dass mit Hilfe von e-health Doppelgleisigkeiten in Diagnose und Versorgung eingedämmt werden soll. Während wesentliche Komponenten von ELGA wie beispielsweise die e-Medikation noch nicht implementiert ist, wurde 2017 das TEWEB als Pilotprojekt zur Gesundheitsberatung von Versicherten in den Bundesländern Vorarlberg, Niederösterreich und Wien umgesetzt.

Positive Effekte von e-Health

Gut eingesetzt ist zu erwarten, dass  e-health hilft, Kosten zu dämpfen und Effizienz sicherzustellen insbesondere bei jenen, die chronisch krank sind. Studien zeigen sinkende Kosten klinischer Leistungen und eine Reduktion administrativer Kosten. Diese Effekte wurden in den Niederlanden, in Spanien, in Schweden, Kanada, Australien und in den USA erfasst.

Noch wichtiger ist, dass e-Health neue Versorgungsformen fördert, Stichwort Primärversorgung und vor allem die Behandlung und Betreuung von chronisch kranken Menschen sicherer und patientenorientierter macht. Digitalisierung ist eine Chance neue Versorgungformen insbesondere für diese kostenintensive Gruppe auszubauen und fördern. Sie muss helfen, Gesundheit und Pflege in Schlüsselbereichen zu personalisieren.  Und sie bringt den Vorteil, dass erstens, Menschen als Informationsträger ihrer Krankengeschichte entlastet werden und zweitens Behandler_innen mehr Sicherheit in Diagnostik und Therapie gewinnen durch die einsehbare Dokumentation der Befunde und Maßnahmen. Digitalisierung der Information soll die zentrale Drehscheibe sein, Feedbacks zu erleichtern, Prävention zu fördern und Menschen befähigen, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.

Neue digitalisierte Vesorgungsformen sollten zwischen weitgehend analog organisierten Einzelpraxen und hochgerüsteten Universitätskliniken graduell auf- und ausgebaut werden. Zurecht lockerte die Gesundheitsreform 2013 die Doktrin „ambulant vor stationär“, um dies mit dem Ansatz „best point of service“ schrittweise zu erreichen.  OECD Befragungen zu folge, dokumentieren in Österreich mehr als 80 Prozent der Hausärzt_innen elektronisch, bei den Fach_ärztinnen sind es mehr als 90 Prozent.  Trotzdem gibt es auf mehreren Ebenen erhebliche Widerstände gegen den digitalen Informationsaustausch, vor allem seitens der Ärzt_innen. Wesentliche Gründe dieser Widerstände liegen darin, dass sich die „Ko-produktion“ von Gesundheit verändert und Verantwortlichkeiten transparent(er) werden.

Dir zeige ich meine Daten nicht

Im Rahmen von ELGA kann jede Person selbst bestimmen, wer ihre Daten bekommt bzw. nutzen kann. Damit verändern sich die Beziehungen zwischen Leistungserbringern, Patient und Zahler, Diese Beziehungen sind von erheblichen Informationsungleichgewichten gekennzeichnet (doppeltes principal agent dilemma) und von drahtlosem Vertrauen. Mit ELGA kann erstmals die versicherte Person (principal) eine Ärzt_in (agent) von Informationen in ihrer Krankenakte grundsätzlich ausschließen. Die Abrechnungstransparenz wird erhöht, was Zahlern (principals gegenüber Leistungserbringern) hilft, den Ressourceneinsatz besser zu überblicken.

Was hat der denn gemacht und was hat er nicht gemacht?

ELGA zwingt Ärzt_innen zu reagieren auf das, was ihre Kolleg_innen tun bzw. unterlassen. Dies erfordert einen Kulturwandel in den Arbeitsbeziehungen. Die intensive Auseinandersetzung mit Diagnosen, Verordnungen und Behandlungspfaden kann die Sicherheit für Patient_innen erhöhen. Sie fordert jedoch Leistungserbringer_innen, sich ergänzend zum vertraulichen Gespräch mit den Kolleg_innen abzustimmen und etwaige Unterschiede in Auffassungen und Empfehlungen zu kommunizieren. Dies kostet Zeit, Kraft und Ressourcen. Zur Zeit wird vielerorts digitales Reden nicht honoriert. Die digitale Kommunikation zwischen Ärzt_in und Patient_in ist vor allem in Kassenordinationen bislang kein Standard.

Digitalisierung muss Fortschrittsmotor der Versorgung sein

In seiner Rolle als Garant für adäquate öffentliche Gesundheitsversorgung muss der Staat in Zusammenarbeit mit der Sozialversicherung den Ausbau der Digitalisierung rasch auf mehreren Ebenen fördern. Dies ist auch deshalb wichtig, weil damit ein Regulierungsrahmen entwickelt werden kann, der hilft, die IT-Industrie zum kooperativen Partner des Gesundheitswesens zu machen, ähnlich wie die Pharmabranche. Öffentliche Investitionen in diesen Bereichen fördern Effizienz und Wirtschaftswachstum, eine Grundbedingung für die Weiterentwicklung der Versorgung.

Anschubfinanzierung für nationale IT und software Standards

Errichtung eines Investitionsfonds, z.b. mit Hilfe von Mitteln aus der Breitbandmilliarde. So ein Fonds könnte bei der Bundesbeschaffung angesiedelt sein und Ausschüttungen an Anbieter auf Basis Bundeseinheitlicher Kriterien für Förderungen und Subventionen vornehmen. Dies kann außerdem ein Bindemittel für die notwendige Zusammenarbeit der Hauptakteure, Bund, Sozialversicherung und Länder sein.

IT-Honorarposition für den laufenden Betrieb entwickeln

Honorarposition für IT Aufwendungen im laufenden Betrieb als Teil der Ordinationspauschale. Im Gegenzug soll die Dokumentation von Leistungen umfassend vorgenommen werden und die Zahler eine öffentlich zugängliche Dateninfrastruktur bereitstellen.

IT-Scouts zur Betreuung von Anbietern

Unterstützung der Gesundheitsdienstleister durch IT-Scouts, die Unterstützung im Change Management anbieten und bei der Umsetzung von Neuerungen helfen. So eine Struktur könnte durch den Investitionsfonds betrieben werden, der bei der Umsetzung hilft und eine hotline vorhält, damit auch kurzfristig IT Probleme gelöst werden können. Das kann sich auch auf apps erstrecken, die auf Basis informierter Empfehlung von Versicherten verwendet werden und die Daten in die Systeme der Gesundheitsdiensteanbieter einspielen.


Ausgewählte Literatur

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Über die Autorin

Maria M. Hofmarcher-Holzhacker hat Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien und Public Health an der Johns Hopkins University in Baltimore, USA studiert. Sie ist Direktorin von HS&I HealthSystemIntelligence und Research Associate an der Medizinischen Universität in Wien.

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