von Johannes Kopf |

Inwieweit wir durch technologischen Fortschritt morgen wirklich weniger Arbeit haben werden, ist unter Experten/innen umstritten. Ich persönlich glaube nicht, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Dies aufgrund der Tatsache, dass die aktuell verstärkt geführte Diskussion in Wirklichkeit eine schon sehr alte ist. Im Zuge der Industrialisierung hat eine Reihe von großen disruptiven Innovationen den Arbeitsmarkt massiv verändert. Jede dieser Innovationen führte zu ähnlichen Diskussionen wie heute, zerstörte Millionen von bestehenden Jobs, schuf aber auch völlig neue Tätigkeitsfelder. Was aber nach jeder disruptiven Innovation eine große Herausforderung war, die oftmals kaum gelang, war die dadurch arbeitslos gewordenen Menschen auf die neu entstandenen Jobs „umzuschulen“.

Nahezu alle großen Trends am Arbeitsmarkt wie die Digitalisierung, die Globalisierung oder die Ökologisierung führen zu steigenden Qualifikationsanforderungen der Unternehmen an ihre Beschäftigten. So werden laut CEDEFOPs Skills Forecast auf europäischer Ebene steigende Beschäftigungsmöglichkeiten für Hochqualifizierte, stagnierende Beschäftigungsmöglichkeiten für mittlere Qualifikationsniveaus und sinkende für Niedrigqualifizierte erwartet.

Zu den konkreten Erwartungen für Österreich sei ein AMS-Report zitiert:

Für Österreich wird – dem gesamteuropäischen Trend folgend – für gut zwölf Prozent der Beschäftigungsmöglichkeiten ein geringes Qualifikationsniveau genügen. Im Gegensatz zum gesamteuropäischen Trend wird für Österreich jedoch auch im mittleren Qualifikationssegment mit einem positiven Expansionsbedarf gerechnet, und knapp 56 Prozent der Beschäftigungsmöglichkeiten sollen mittlere Qualifikationsanforderungen stellen. Der Anteil der Beschäftigungsmöglichkeiten mit hohen Qualifikationsanforderungen wird in Österreich mit knapp 32 Prozent niedriger ausfallen als im gesamteuropäischen Schnitt. Insgesamt werden rund 1,65 Millionen Jobmöglichkeiten in Österreich erwartet, davon werden knapp 1,49 Millionen auf den Ersatzbedarf entfallen. Mehr als 55.000 Arbeitsplätze mit geringen Qualifikationsanforderungen werden voraussichtlich nicht nachbesetzt, in diesem Qualifikationssegment eröffnen sich dadurch im Zeitraum 2013 bis 2025 per Saldo nur rund 205.000 Beschäftigungsmöglichkeiten, die ausschließlich auf Ersatzbedarf basieren. Im Segment der mittleren und insbesondere der hohen Qualifikationsanforderungen entstehen hingegen auch neue Beschäftigungsmöglichkeiten.[1]

Wir befinden uns in einem Übergang von der Industrie- zur Informationsgesellschaft, der auch die Industrie (Schlagwort „Industrie 4.0“) stark verändert. Mit diesen Entwicklungen steigen die Anforderungen an Arbeitnehmer/innen in verschiedener Hinsicht. Besonders wichtig wird etwa die Fähigkeit, Informationen zu finden, zu beurteilen, auszuwählen und zu verarbeiten. Gerade im Bereich Informationsverarbeitung werden jedoch viele Tätigkeiten von immer leistungsfähigeren Datenverarbeitungssystemen – bis hin zu künstlicher Intelligenz – durchgeführt oder unterstützt. Entscheidungen, die auf nicht vorprogrammierten (bzw. nicht vorprogrammierbaren) Kriterien und Bewertungen sowie auf Kreativität beruhen, müssen jedoch weiterhin von Menschen getroffen werden.

Für immer mehr Tätigkeiten werden neben spezifischen Fachkenntnissen auch fachübergreifende und soziale Kompetenzen (wie z.B.: Teamfähigkeit, Konfliktlösungspotenzial, Kommunikationsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, Mobilität, Flexibilität, selbständiges Arbeiten etc.), ausreichende Anwendungskenntnisse verschiedener Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Fremdsprachen (jedenfalls Englisch) vorausgesetzt. Mehrmaliger Berufswechsel und Wechsel zwischen Beschäftigungs- und Weiterbildungsperioden bestimmen die Berufslaufbahnen von mehr und mehr Menschen. Das AMS unterstützt berufliche Mobilität sowohl finanziell als auch durch Information und Beratung.

Nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung wird nun die digitale Vernetzung der Industrie unter dem Begriff „Industrie 4.0“ in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien diskutiert. Kennzeichnend für Industrie 4.0 ist die Vernetzung von Menschen, Objekten und Systemen über das Internet. In diesem Gefüge der sich selbst steuernden Systeme ist die reale oder virtuelle Anwesenheit von Menschen mit entsprechender professioneller Kompetenz besonders wichtig. Dabei werden einerseits neue Arbeitsplätze geschaffen, andere fallen hingegen weg. Aufgabe der Arbeitsmarktpolitik ist es, jene Menschen zu unterstützen, die von Arbeitsplatzverlust betroffen oder bedroht sind. Berufliche Mobilität muss dabei künftig stärker gefördert, aber auch gefordert werden.

Die Prognosen der Wirtschaftsforschung und einschlägige Studien sagen eine anhaltend starke Nachfrage an entsprechend ausgebildeten Absolvent/innen technischer Ausbildungen voraus. Zu den Berufsgruppen mit relativ hoher Nachfrage gehören: Naturwissenschafter/innen, Ingenieur/innen, Absolvent/innen einer Lehre im Metallbereich bzw. im Bereich Elektrotechnik oder Elektronik, Fachkräfte mit technischen Ausbildungen im Bereich der sogenannten „Green Jobs“. Technikerinnen werden von der Wirtschaft stark umworben, weil sie ganz spezifische Kompetenzen (Sozial- und Persönlichkeitskompetenzen) mitbringen und eine Bereicherung für die Mitarbeiterteams darstellen. Daher muss es uns gelingen, mehr Mädchen und Frauen zu motivieren, einen technischen Beruf zu ergreifen bzw. eine technische Ausbildung zu absolvieren.

Wir im AMS sind wahrscheinlich jene Organisation, die am meisten Forschungsarbeit zur Frage „Welche Qualifikationen braucht unser Arbeitsmarkt morgen?“ leistet. Wir können diese Frage auch recht gut und detailliert beantworten, allerdings nur für „morgen“. Welche Qualifikationen der Arbeitsmarkt „übermorgen“ also in mehr als 3-5 Jahren braucht, wissen auch wir kaum. Umso wichtiger ist es, unseren Kindern in den Schulen neben Wissen auch Lernfreude, Lernfähigkeit und kreative Neugier beizubringen. Sie werden diese Dinge „übermorgen“ mehr brauchen als je zuvor.

[1] Regina Haberfellner, René Sturm: Die Transformation der Arbeits- und Berufswelt, AMS report 120 /121, 2016, S.34

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Dr. Friedrich Moshammer, AMS Österreich, entstanden. Eine veränderte Langfassung erschien in „Österreichisches Jahrbuch für Politik 2016“.

Über den Autor

Dr. Johannes Kopf, LL.M. ist seit 2006 Vorstandsmitglied des Arbeitsmarktservice Österreich (AMS). Von 2003 bis Mitte 2006 war er als Arbeitsmarktexperte und Referent im Kabinett von Wirtschafts- und Arbeitsminister Dr. Martin Bartenstein tätig. Zwischen 2003 und 2006 war Dr. Kopf Mitglied des Verwaltungsrates des AMS Österreich. Von 1999 bis 2003 war er Referent der Industriellenvereinigung mit Schwerpunkt Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, Projektleiter (Reform des Wettbewerbsrechts, Productive Ageing, EU-Migration), stellvertretendes Mitglied des Verwaltungsrates sowie diverser Unterausschüsse des AMS und arbeitete an diversen Projekten aus dem Bereich Bildungspolitik mit. Von 2001 bis 2002 war er Österreichs Arbeitgeber-Verhandler in Brüssel im Sozialen Dialog der EU zu den Themen Leiharbeit und Telearbeit.

Autorenfoto: AMS/Petra Spiola

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